Eine unheimliche Führung durch das mittelalterliche Staufen

Eine unheimliche Führung durch das mittelalterliche Staufen

Wer behauptet, Geschichte sei langweilig, kennt nicht das mittelalterliche Staufen. Nein, nicht die vielen Gassen und historischen Gebäude mit den zunehmenden Rissen, die der Besucher so beim Erkunden von Staufen betrachtet – sondern ich meine das Staufen zur Zeit von Dr. Faustus.

Dies hat der Geschichtsverein am 20. Oktober 2012 „leibhaftig“ erleben können. Zum Glück gab es nicht nur schönstes Wetter, sondern auch ein Glas Mephisto Sekt zur Stärkung im Weingut Ulmann bevor die Reise ins Mittelalter begann. Was dann passierte, ist kaum noch mit Worten zu beschreiben, wer nicht dabei war, sollte es unbedingt am eigenen Leibe erfahren: Gerade noch den letzten Schluck des hervorragenden Riesling Sekts genossen, der zum Glück flüssig ist und einem somit nicht im Halse stecken bleiben kann, ging es schon los mit der sprichwörtlichen Gänsehaut: Sie überzog uns völlig unerwartet und überraschend in dem Moment, als ein zittriges altes Männlein in entsprechender diabolischer Verkleidung und Schminke mit unheimlicher, fester und lauter Stimme durch das Eingangstor die Freilichtbühne betrat und sich uns sehr bedrohlich näherte – Dr. Faustus – wahrlich ein Teufelskerl. Selbst unsere ach so unerschrockene Lisa wirkte auf einmal seltsam bleich und gerührt und das in ihren Adern gefrorene Blut taute erst Stunden später in der Hitze wieder auf. Nach einigen Minuten atemberaubender Einleitung zu seiner Person, seiner Zeit und Staufen, mutierte der unheimliche Dr. Faustus in den, gemessen am Teufel Dr. Faustus, doch erheblich sympathischeren Mephisto, der aber immer noch bedenklich und bedrohlich wirkte.

Hier sind die Fotos
(von Uwe Machein und Reinhard Huber)

Schwupps – wir hatten das 21.Jahrhundert in wenigen Sekunden vergessen und waren im Mittelalter angekommen. Aber keine Zeit zum Denken, denn schon ging es hinter dem zum Dr. Faustus verwandelten Mephisto im Teufelsgalopp über die Kopfsteinpflaster-Gassen zu den Attraktionen des Mittelalters. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass der Kerl, dem wir so gebannt folgten, einen Pferdefuß hatte.

Natürlich war nicht nur Dr. Faustus/Mephisto, der ja leibhaftig vor uns stand, der Mittelpunkt der Führung, sondern auch die von ihm spielerisch inszenierte interessante Stadtgeschichte. Und so nebenbei flirtete Mephisto, auf seine Art doch charmant, mit unseren Damen, insbesondere mit unserer Rothaarigen. Uns blieb aber auch diesmal wieder keine Zeit darüber nachzudenken, denn wir folgten dem Teufel im Galopp von einer Attraktion zur anderen, bis wir von ihm in der Johannisgasse im Haus Nr.14 zu "Coffee und More" eingeladen wurden. Hier lernten wir viel über das köstliche Gebräu und trotz gedämpften Lichtes erschien uns auf einmal das Kerlchen doch etwas sympathischer. Vielleicht lag das aber auch am exzellenten Espresso.

Danach ging es weiter auf der Freilichtbühne Staufen, im Hintergrund die Ruine auf dem Burgberg mit den furchtbaren Ereignissen zur Zeit des 30-jährigen Krieges, als die Schweden im Jahre 1632 die Burg niederbrannten und die Stadt plünderten. Und auch der noch heute vorhandene Pranger am Rathaus blieb uns nicht erspart. Jedenfalls war die Führung – besser gesagt die Verführung – sehr kurzweilig und spannend, bis ich unvermittelt aus meinem schaurigen Traum von Herrn Dr. Faustus persönlich gerissen wurde. Ich hatte zusammen mit dem ebenfalls aus unserer Gruppe auserwählten „Gretchen“ den Doktor Faustus zu spielen. Wagemutig setzte ich mir seine Mütze mit den passenden wirren grauen Haaren auf und stürzte mich sogleich dem Gretchen entgegen: "Schönes Fräulein darf ich‘s wagen, meinen Arm und Geleit ihr anzutragen?" Und Gretchen antwortet mit scheuem Augenaufschlag: „Bin weder Fräulein, weder schön, kann ungeleit nach Hause gehen." Was danach erfolgte, möchte ich lieber auslassen und auf die Bilder verweisen.

Nach dieser Erfahrung ging es noch ins Gasthaus Löwen, wo uns der Alchemist Faustus seine Kunst Gold zu machen vorführte: Nach viel Rauch und Gestank war aber kein Gold zu sehen und Mephisto/ Dr. Faustus verschwand nicht ohne den Hinweis auf die schrecklichen Ereignisse im Löwen, wo seine arme Seele der ewigen Verdammnis überantwortete wurde.

Und die 2 Stunden der Stadtführung waren unvermittelt vorbei. Teuflisch schnell, aber nun meldeten sich die doch hungrig gewordene Mägen – apropos Mägen, wir hatten auch gelernt, dass die Stadt vom Neumagen durchflossen wird und wer mehr über die Geschichte von Staufen lesen möchte, dem sei angeraten, dies auf der Internetseite der Stadt oder auf Wikipedia zu tun.

Ich musste mich jedenfalls nach diesen Ereignissen bei deftigem Leberkäse von den Strapazen des Morgens erholen. Und ich kann dem eifrigen Leser auch versichern: Dies gelang doch relativ rasch, aber – und das ist wirklich ein toller Erfolg: Ich werde Mephisto und Dr. Faustus alias den Schauspieler Rainer G. Mannich wohl nie vergessen: Großes Kompliment an einen herausragenden Schauspieler in der tollen Kulisse des "Outdoor Theater Staufen". Von wegen – langweilige Geschichte!

Ein herzliches Dankeschön an unsere Vorsitzende Johanna Schaffner für die perfekte Organisation dieses großartigen Events.

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