Einige Erinnerungen zum Thema >> Schule in früherer Zeit

Ich möchte berichten, wie es ganz früher in der Schule war, was ich selbst erlebt habe vor 50 bis 60 Jahren – als Schüler und als Lehrer.

An meinem ersten Schultag im Jahr 1945 hatte ich einen Lederschulranzen. Darin war eine Schiefertafel, auf der mit einem Griffel geschrieben wurde. Man durfte nicht sehr stark aufdrücken, sonst kratzte man Rillen in die Tafel oder der Griffel brach ab. In einer Dose war ein Schwamm. Ein Tafellappen zum Auswischen der Schiefertafel hing an einer Schnur außen am Schulranzen. Papier war damals sehr teuer und deshalb benutzten wir bis ins 4. Schuljahr nur die Schiefertafel.

Unser Lehrer war sehr streng aber gerecht. Die Lehrer kamen damals etwa bis zum Jahr 1970 jeden Tag mit Anzug und Krawatte in die Schule. Lehrerinnen mussten immer Röcke tragen, lange Hosen waren verboten. Im Laufe von vier Schuljahren hatten wir nur einen einzigen Ausflug gemacht und dabei eine Schmiede besichtigt. Sonst war immer Unterricht.

In den Klassenzimmern waren oft Öfen, die morgens angeheizt werden mussten. Das Holz hierzu lagerte in einem Raum neben dem Schulhof. Die Schüler der Oberklassen mussten dieses Holz aufschichten und in den Schulraum tragen. Es gab harte Sitzbänke, die an den Schultischen festgeschraubt waren. Am oberen Ende des Schultisches waren kleine, gläserne Tintenfässchen eingelassen, die immer wieder aufgefüllt wurden. Dabei wurde Tinte verschüttet, sodass das Holz mit Tintenflecken blau verkleckert war. Weil es nur starre Schulmöbel gab, konnten wir also niemals einen Stuhlkreis bilden. Der Unterricht war stets frontal, der Lehrer stand immer vor der Klasse. Das Lehrerpult stand auf einem erhöhten Podest mit Stufen, damit der Lehrer von oben auf die Kinder herunterschauen konnte.

In der Alleinlehrerschule im Schwarzwald gab es nur einen einzigen Lehrer für alle Kinder. Alle Kinder waren zusammen im gleichen Klassenzimmer. Die Erstklässler saßen vorne, die Achtklässler saßen hinten- Ganz hinten in der letzten Reihe saßen die Kinder, die den Unterricht störten. Der Unterricht war sehr lebendig. Im gleichen Klassenzimmer liefen ganz verschieden Aktionen gleichzeitig ab. Beispiel : Während der Lehrer mit den Klassen 7 und 8 das Thema : >>Der dreißigjährige Krieg<< behandelte, halfen die Sechstklässler den jüngeren Erstklässler beim Rechnen, die Fünftklässler mussten ganz leise mit den Zweitklässlern im Lesebuch lesen, die Dritt- und Viertklässler mussten aus dem Lesebuch abschreiben. Meist nach 25 Minuten wurden die Aktionen gewechselt. Alle Kinder hatten gemeinsam Singen, Sport und Malen. Handarbeit hatten nur die Mädchen und lernten Häkeln und Stricken. Der Lehrer war gleichzeitig Hausmeister, Organist in der Kirche und oft Gemeindeschreiber. Er wohnte im Schulhaus in der Lehrerwohnung oder neben der Schule im Lehrerwohnhaus. Er unterrichte auch seine eigenen Kinder.

Um Ruhe im Klassenzimmer zu haben, mussten wir oft viele Seiten aus dem Lesebuch abschreiben oder endlos lange Kolonnenrechnungen machen. Während dieser Zeit las unser Lehrer die Zeitung.

Der Unterricht begann damit, dass wir alle aufstehen mussten, um den Lehrer mit einem sehr lauten >> Grüß Gott Herr Lehrer ! << zu begrüßen. Danach wurde das Schulgebet gesprochen. Ein Lied wurde gesungen und dann erst durften wir uns setzen. Zuerst wurden die Hausaufgaben kontrolliert. Wer nicht schön geschrieben hatte, bekam alles durchgestrichen und musste es auf den nächsten Tag noch einmal doppelt schreiben. Wer etwas sagen wollte, musste den Finger strecken, wurde vielleicht aufgerufen, musste aufstehen und durfte sich erst wieder hinsetzen, wenn der Lehrer sagte >>Setzen!<< Alles war etwas strenger als heute. Der Schulleiter musste mit >>Herr Rektor<< angesprochen werden. Vor dem Hausmeister hatten fast alle Schüler Angst, weil er auch strafen dufte.

Nicht alle Lehrer waren streng und bestraften die Kinder. Aber viele haben das Strafen auch übertrieben. Schriftliche Strafarbeiten waren verhältnismäßig harmlos, aber 50 Mal schreiben : >>Ich darf im Unterricht nicht sprechen<< war auch nicht gerade lustig. Bei schlimmeren >>Vergehen<< bekam man mit einem Stock Schläge auf die Handfläche, das waren die gefürchteten >>Tatzen<< . Bei ganz schlimmen >>Vergehen<< ( Lügen oder Mädchen verhauen ) bekam man Schläge mit dem Stock auf den Po. Das war dann >>Hosenspannis<< . Arrest konnte man bekommen bis zu drei Stunden oder man wurde für einige Stunden sogar in ein kleines Zimmer eingeschlossen. Das war der gefürchtete >>Karzer<<. Diese strengen Strafen bekamen aber meist nur die älteren Jungen der oberen Klassen.

Gleich nach dem Krieg gab es die Schulspeisung. Die Kinder kamen mit Essenskännchen aus Blech oder Aluminium in die Schule. In der großen Pause gab es wechselweise Nudeln mit Fleisch, Grießbrei oder Weckle mit Kakao. Ohne diese Schulspeisung hätten viele Kinder ständig großen Hunger gehabt, denn zu Hause gab es kaum etwas zu essen. Nach dem Krieg herrschte überall große Not. Übergewichtige Kinder gab es in dieser Zeit nirgends. Aber letztendlich haben wir in der Schule viel gelernt fürs Leben und fürs Überleben.

Klaus Kiesewetter
Schallbach

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